Ein ältere Ehepaar schaut sich an
Das Ehepaar Schmitte gehörte zu den ersten Coronakranken in Köln.

Der lange Weg nach einer Corona-Infektion

Zurück ins Leben: „Ich lebe einfach gerne“

Für viele der ersten Patienten war die Diagnose Covid-19 ein Schock. Auch in den Krankenhäusern herrschte zu Beginn der Corona-Pandemie noch große Unsicherheit. Rückblickend erzählen drei Patienten aus Köln, wie sie den Verlauf der Krankheit erlebten und was sich in ihrem Leben verändert hat.

 

Jens Henschel infizierte sich im März dieses Jahres vermutlich während der Arbeit mit dem Coronavirus. Als Patient mit chronischen Problemen an den Nasennebenhöhlen wurden seine Symptome mit Antibiotika behandelt, weil eine erneute Entzündung vermutet wurde. Eine Woche später brachte der Rettungsdienst ihn nachts ins St. Hildegardis Krankenhaus, weil er keine Luft mehr bekam. Für Dr. med. Alexander Prickartz und sein Team war Jens Henschel der erste Patient mit einer Corona-Infektion.

„Sein Zustand war kritisch“, erinnert sich der Pneumologe. „Aus den Erfahrungen der Kollegen in den Nachbarländern wussten wir, dass eine invasive Beatmung bei Covid-Patienten durch die lange Beatmungsdauer mit zahlreichen Risiken und häufig auch langfristigen Komplikationen verbunden ist. Wir behandelten Herrn Henschel daher mit einer nicht-invasiven Atemunterstützung.“ 

„Am schlimmsten war die Isolation“

Ein Mann steht an eine Tür gelehnt
Jens Henschel infizierte sich im März 2020 mit Corona.

So begann die Therapie und es folgte eine Zeit, die für den Kölner „furchtbar“ war. Zunächst wurde er rund um die Uhr nicht-invasiv beatmet. „Man muss gegen das Gerät anatmen, was ich sehr anstrengend fand. Ich konnte nur auf dem Rücken liegen, schlecht schlafen. Und diese Luftnot – ich hatte wirklich Todesangst. Am schlimmsten war es aber für die Seele“, fasst er die erste Zeit seiner Therapie zusammen. Als Corona-Patient durfte er keinen Besuch empfangen und das Klinikteam durfte nur in Schutzkleidung zu ihm.

Auf die Frage, was ihn diese Wochen hat durchhalten lassen, hat Jens Henschel eine klare Antwort: „Die Lust am Leben!“ Der 52-Jährige ist ein geselliger Mensch mit vielen Interessen, kocht gern, unternimmt große Reisen. Die Aussicht, all das wieder tun zu können, hat ihm Kraft gegeben, um die Zeit in schlechter körperlicher Verfassung und Isolation durchzuhalten.

Die Therapie mit nicht-invasiver Atemunterstützung schlug langsam an, das Beatmungsgerät konnte anfangs minutenweise, schließlich aber komplett durch eine Sauerstoff-Nasenbrille ersetzt werden. Als Jens Henschel die Intensivstation schließlich verlassen konnte, stand das Team Spalier und applaudierte. Die Entzündungswerte wurden langsam, aber kontinuierlich besser. Nach insgesamt drei Wochen konnte Jens Henschel das Krankenhaus schließlich verlassen – noch geschwächt und wenig belastbar, aber glücklich, Corona überstanden zu haben. 

Eine Corona-Infektion ist ein tiefer Einschnitt im Leben

„Als der Krankentransport mich nach Hause gebracht hat, musste ich auf jedem Treppenabsatz eine Pause machen“, berichtet der erste Corona-Patient. Eine Reha lehnte er trotzdem ab – er wollte nicht noch einmal über Wochen isoliert sein. Stattdessen machte er weiter die Übungen, die Atmungs- und Physiotherapeuten ihm beigebracht hatten, ließ sich ambulant weiterbehandeln und erholte sich Schritt für Schritt. Heute hat er noch Probleme beim Ausatmen, ist schneller müde als früher, hat aber „insgesamt alles gut überstanden”. Eine weitere „Langzeitwirkung“ hatte seine Corona-Infektion: Er hat seinen Job gekündigt, seine Leitungsfunktion aufgegeben und arbeitet nun nur noch in Teilzeit.

„Man fängt an, darüber nachzudenken, was eigentlich wirklich wichtig ist, wenn man so etwas hinter sich hat“, sagt Jens Henschel.

Etwa zur gleichen Zeit wie Jens Henschel infizierte sich auch das Ehepaar Schmitte aus Köln-Rodenkirchen. „Wir haben später hin und her überlegt, aber eigentlich können wir uns nur auf dem Wochenmarkt angesteckt haben“, erklärt Adelheid Schmitte. Auch Urlaubsrückkehrern seien die 77-Jährige und ihr Mann nicht begegnet und Karneval haben sie auch nicht gefeiert. Bereits einen Tag nach dem Wochenmarkt-Besuch stellte ihr Mann Kurt Schmitte erste Symptome einer Corona-Infektion bei sich fest.

„Beim Tennisspielen habe ich bemerkt, dass irgendwas nicht mit mir stimmte“, so der 80-Jährige. In der folgenden Woche ging es dann beiden sehr schlecht, vor allem das Fieber bei Adelheid Schmitte schnellte bis auf besorgniserregende 39,9 Grad, sodass sie, obwohl sie sich zunächst dagegen gesträubt hatte, letztlich einer Einweisung ins nahe gelegene St. Antonius Krankenhaus zustimmte. 

Gemeinsame Isolation

Während Adelheid Schmittes Test direkt positiv war, sollte bei ihrem Mann erst der zweite einige Tage später die Corona-Infektion bestätigen. Beide durften sich ein Zimmer teilen, was jedoch nicht lange währte, denn bereits kurz darauf befand der Leitende Oberarzt der Medizinischen Klinik, Dr. med. Thorsten Schneider, dass Adelheid Schmitte auf der Intensivstation besser aufgehoben sei. „Als ich das gehört habe, ist für mich eine Welt zusammengebrochen“, erzählt ihr Mann.

Auch sechs Monate später spürt man, wie sehr ihn die Situation getroffen haben muss. Schließlich wusste er nicht, ob er seine Frau je lebend wiedersehen würde. Noch in der Nacht wurde Adelheid Schmitte intubiert, invasiv beatmet und ins künstliche Koma versetzt. Kurt Schmitte selbst hatte nur leichtes Fieber und wurde 13 Tage später aus der stationären Quarantäne entlassen.

Virus SARS-CoV-2: Weitere zwölf Wochen in Kliniken

Ein älteres Paar hält sich an den Händen.

Sechs Wochen banges Warten folgten für Kurt Schmitte, die drei Kinder sowie sechs Enkel und zwei Urenkel. Dann endlich kam der erlösende Anruf. Kurt Schmitte konnte sein Glück kaum glauben, als er das Zimmer auf der Intensivstation betrat und in die geöffneten Augen seiner Frau blickte. „Sie konnte zwar in dem Moment noch nicht sprechen, aber da wusste ich: Das ist ein gutes Zeichen!“

Da Patienten, die über längere Zeit an eine Beatmungsmaschine angeschlossen waren, von dieser anschließend wieder entwöhnt werden müssen, wurde Adelheid Schmitte vier Tage später auf die Weaning Station im Krankenhaus der Augustinerinnen verlegt. Insgesamt drei Wochen blieb sie aufgrund ihrer Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2 im Severinsklösterchen. Danach folgten neun Wochen Reha in zwei weiteren Einrichtungen.

Sport als Lebensretter nach Corona

Dass sie zu den 47 Prozent der Covid-19-Patienten gehört, die die invasive Beatmung auf einer Intensivstation überlebt haben, schreibt Dr. med. Schneider der körperlichen Fitness der Seniorin vor ihrer Erkrankung zu. Wöchentlicher Rehasport und Rückenyoga sowie allmorgendliche Übungen auf ihrem Balkon gehörten vor der Infektion mit dem Coronavirus zur festen Routine. „Man misst solchen Dingen wie Kniebeugen und genereller Bewegung nicht so viel Bedeutung zu“, mahnt Dr. med. Schneider. Dabei seien dies die Dinge, die zu einer Grundfitness verhelfen, die, wie im Falle von Adelheid Schmitte, lebensrettend sein können.

Nach insgesamt 18 Wochen Aufenthalt in diversen Kliniken hatte die Kölnerin bereits wieder einen großen Teil ihrer Motorik zurückgewonnen. Nur die Beweglichkeit der Hände ist durch das lange Koma noch immer eingeschränkt. Daher nahm sie ihre regelmäßigen Übungen wieder auf und ergänzte diese durch Einheiten aus der Reha sowie der anschließenden Ergotherapie.

Bereits wenige Wochen später konnte man ihr die Strapazen der vergangenen Monate kaum mehr ansehen. Auch ihrem Mann, der deutlich unter der Ungewissheit über den Gesundheitszustand seiner an Corona erkrankten Frau gelitten hatte, ist das Glück, seine Frau wieder um sich zu haben und wieder ihre Hand halten zu können, deutlich anzusehen.

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