Borderline-Patientin Alina E. mit einem Pferd
Alina E. hatte einen langen Leidensweg hinter sich, als sie im Alter von 20 Jahren letztendlich die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung erhielt.

Borderline: Ein stetiger Kampf mit sich selbst

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Alina E. hatte einen langen Leidensweg hinter sich, als sie im Alter von 20 Jahren letztendlich die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung erhielt. Heute kann die 27-Jährige offen über ihre Krankheit und ihre schwere Vergangenheit sprechen.

Borderline ist eine psychische Erkrankung, die zu den Persönlichkeitsstörungen gezählt wird. „Emotionale Instabilität, Impulsivität – ohne die Konsequenzen berücksichtigen zu können – sowie innere Spannungszustände und -störungen des Selbstbilds sind die klassischen Symptome von Borderline“, berichtet Susanne Neustadt, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiterin der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) der MARIENBORN Fachklinik. Susanne Neustadt weiß aus ihrer Klinikerfahrung, dass Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung unter anderem auch Probleme im Bereich der zwischenmenschlichen Fähigkeiten haben: „Es fällt Betroffenen sehr schwer, Beziehungen aufzubauen. Rasche Beziehungsabbrüche sowie intensive, aber unbeständige Beziehungen sind typisch.“ Viele haben außerdem große Angst, verlassen zu werden, können auf der anderen Seite aber Nähe nur schwer zulassen. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung tritt häufig in Kombination mit Angstzuständen, Depressionen sowie Suchterkrankungen auf. Die ersten Anzeichen für die Erkrankung gibt es oftmals schon im Teenager-Alter.

Borderline nach sexuellem Missbrauch

2008 wurde Alina E. zum ersten Mal aufgrund einer Magersucht stationär behandelt. „Ich wog 34 Kilogramm bei einer Körpergröße von 164 Zentimetern. Ein Jahr lang wurde ich behandelt und musste zwangsernährt werden.“ Der lange Klinikaufenthalt führte zu einer sozialen Isolation und trotz Familienhilfe und dem Versuch, über diverse Hobbys wieder soziale Kontakte zu finden, gelang dies nicht. Von der Realschule wechselte Alina E. aufs Gymnasium, kam aber nicht mit dem Druck zurecht und entschloss sich zu einer Ausbildung als Pferdewirtin. Hier wurden ihre Arbeitstage immer länger, weil sie nicht Nein sagen konnte. Die Situation eskalierte, als ein Arbeitskollege ihr Vertrauen ausnutzte und sie sexuell missbrauchte. „Ich schämte mich und hatte Angst“, sagt Alina E. rückblickend. „Ich fing an, mich zu ritzen, weil ich mich vor mir selbst ekelte. Ich dachte, dass ich so die körperlichen und psychischen Schmerzen, die mir durch den Missbrauch und die Belästigung zugefügt wurden, kompensieren kann. Ein halbes Jahr konnte ich es geheim halten, aber dann merkte eine Kollegin etwas und fuhr mich mit einer stark entzündeten Wunde ins Krankenhaus.“

Alina E. steht in ihrer Wohnung.

Das selbstverletzende Verhalten ist ein weiteres Symptom für Borderline. Auch Selbstmordandeutungen oder suizidale Handlungen gehören dazu. Etwa zwei von drei Erkrankten versuchen, sich das Leben zu nehmen. Der gesundheitliche Zustand von Alina E. verschlimmerte sich immer mehr. Von 2013 bis 2017 wurde sie in wechselnden Einrichtungen behandelt, schnitt sich die Pulsader auf und nahm mehrfach zu viele Medikamente. 2017 versuchte Alina E., sich das letzte Mal das Leben zu nehmen und sprang von einer Brücke. Sie überlebte mit schweren Verletzungen und leidet bis heute unter den gesundheitlichen Folgen. Nach dem Suizidversuch wurde sie nach Zülpich in die Fachklinik MARIENBORN verlegt. Sechs Wochen verbrachte sie isoliert in einem Zimmer. Richterliche Gutachten ordneten an, dass sie ein Jahr lang behandelt werden müsse. „Fixierung und Zwangsernährung kannte ich schon, aber ich hatte das Gefühl, als werde ich wie eine Dreijährige behandelt. Ich durfte nichts mehr selbst entscheiden“, erzählt die heute 27-Jährige. Rückblickend sei das die richtige Therapie für sie gewesen, denn ihr Aufenthalt in Zülpich brachte die Wende im Krankheitsverlauf mit sich.

Ambulante Borderline-Therapie in der Fachklinik

Ambulante Borderline-Therapie in der Fachklinik

Nach der stationären Behandlung wechselte sie in die ambulanten Trainingsprogramme STEPPS und STAIRWAYS, welche die Fachklinik speziell für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung anbietet. Das Besondere an STEPPS ist, dass Therapeuten, Freunde und Angehörige einbezogen werden und als Helferteam fungieren. Sie unterstützen die Betroffenen darin, die neu erworbenen Fertigkeiten zu stützen. STAIRWAYS ist die Fortsetzung. Es fördert das Erkennen von zusätzlichen Fähigkeiten, um Probleme zu bewältigen und verfestigt die Basisfertigkeiten zur Bewältigung emotionaler Spannungszustände und Instabilität. Darüber hinaus geht es um die Anwendung der neu erworbenen Kompetenzen, um bestimmte Ziele zu erreichen, wie die Arbeitssuche oder den Aufbau von sozialen Beziehungen. In der PIA in Zülpich wird Alina E. weiterhin durch Therapeuten und Ärzte begleitet.

Zusätzlichen Halt hat sie durch ihren Freund erfahren: „Er war mein Nachbar in meiner ersten eigenen Wohnung, die ich 2018 bezog. Und da ich – bedingt durch die Medikamente – kein Auto fahren durfte, hat er mir seine Hilfe angeboten. Aus einer Freundschaft ist dann Liebe geworden.“ Durch die Begleitung gestärkt, wagte Alina E. 2019 den nächsten Schritt zurück in ein geregeltes Leben, mit einer Ausbildung als Kinderpflegerin. „Es ist noch nicht ganz mein Traumberuf, aber ich wollte mit etwas beginnen, was ich schaffen kann. Ich werde dieses Jahr fertig und möchte dann direkt mit der Ausbildung zur Erzieherin weitermachen.“ Nebenher engagiert sie sich aktuell in einem Zentrum für traumatisierte Frauen.

Trigger und Skillbox helfen bei Borderline

Die selbstgestaltete Skillbox ist eine bunt dekorierte Schachtel.

Heute weiß Alina E., wie sie mit der inneren Anspannung umgehen kann und was sie „triggert“. Ein Trigger ist dabei ein auslösender Reiz, der wiederum eine bestimmte Handlung zur Folge hat. Alina E. reagiert etwa empfindlich auf bestimmte Gerüche und Situationen. Ihr Freund hat gelernt, in solchen Fällen richtig mir ihr umzugehen: „Er erkennt die Situationen, weiß, dass er mich dann nicht anfassen darf und gibt mir die Zeit und den Raum, den ich benötige.“ Für Notfälle hat Alina E. auch ihre sogenannte Skillbox. Betroffene bestücken diese mit kleinen Hilfen, durch die sie selbst Reize für die Geschmacks- und Geruchsnerven oder körperliche Reize auslösen können, die sie ablenken. Im Notfallkoffer sind auch hilfreiche Tipps zur geistigen Ablenkung und Beruhigung. Alina E. hat in ihrer Skillbox Gummibänder, die sie sich um das Handgelenk machen und so einen Schmerzreiz auslösen kann, indem sie sich schnippt. Auch sehr saure Kaugummis oder Brause sind in ihrer Box; aber auch Karten mit kleinen Anweisungen wie „Höre drei Lieder am Stück!“. „In der konkreten Situation bin ich hilflos und ohne Ideen, aber die Skillbox gibt mir Halt.“ Die Box ständig zu überarbeiten, damit sie in Momenten der Belastung einen Weg zurückfindet, ist auch Teil ihres Therapieprogramms.

Heute verlässt sich Alina E. in kritischen Momenten auf erworbene Skills, also ihre erlernten Kompetenzen, mit Schwierigkeiten umzugehen: Sie geht joggen, hört Musik oder malt. Auch der Umgang mit Tieren hilft ihr: „Ich reite wieder und jedes zweite Wochenende kümmere ich mich um einen Pflegehund.“ 2020, mit dem ersten Corona-Lockdown, erlebte Alina E. einen Rückschlag. Ihr Alltag hatte sich verändert und sie bekam wieder Depressionen. Die Medikamente, die ihr verordnet wurden, halfen jedoch nicht gegen die Persönlichkeitsstörung. „Ich habe gespürt, dass ich aktiv dagegen angehen muss und noch immer meine Skills aktivieren kann.“ Die Medikamente habe sie dann schnell wieder absetzen können.

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In bestimmten Situationen lenkt sich Alina mit ihrer Skillbox ab.

„Ich bin nicht geheilt, aber seit einem halben Jahr ohne Symptome. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Mal ist es einfacher, mal ist es schwieriger. Ich fühle extremer als andere Menschen und dadurch reagiere ich auch anders“, erklärt die junge Frau. Früher hat sie sich für ihre Krankheit geschämt, aber heute geht sie offen mit dem Thema Borderline um. „Die Narben sind Teil meines Lebens und es ist mir lieber, wenn ich direkt darauf angesprochen werde, als dass hinter meinem Rücken geredet wird.“ Und sie spricht über ihre Krankheit, denn sie möchte mit ihrer Geschichte anderen Borderline-Betroffenen Mut machen.

MARIENBORN Fachklinik für Psychiatrie und
Psychotherapie mit angeschlossener
Psychiatrischer Institutsambulanz (PIA)
Gerontopsychiatrische Beratungsstelle (GPZ)

Tagesklinik Zülpich
Tagesklinik Hürth

Luxemburger Straße 1
53909 Zülpich
Telefon 02252 53-0
www.marienborn-psychiatrie.de

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